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Kulturbüro Frankfurt

Jo Mihaly

Autograph von Jo Mihaly1

Leben und Werk

Am 24. April 1902 wurde in Schneidemühl, dem heutigen Pila, einer kleinen, heute polnischen Stadt, ca. 300km nordöstlich von Berlin, ein Mädchen geboren, dem die Eltern die Namen Elfriede Alice gaben. Der Vater, Richard Kuhr war Architekt und über die Mutter Margarete ist bekannt, dass sie Musikerin war, eine Sängerin, die in Berlin eine Schule für Bühnengesang leitete. Da die Eltern getrennt lebten, wuchs Elfriede mit ihrem Bruder Gil bei den Großeltern auf. Sie erinnerte sich, dass sie bereits als junger Mensch gegen Ungerechtigkeit und Vorurteile rebellierte, wenn sie zum Beispiel den Sinti und Roma in ihrer kleinen Stadt, die damals Zigeuner genannt wurden, zugefügt wurden. Auch Antisemitismus erkannte sie früh und sie bezog bereits jung dagegen Stellung. Ihrer Bekanntschaft zu einer ungarischen Roma-Familie, für die sie sich als 10jähriges Mädchen einsetzt, verdankt sie vermutlich den Namen, den sie später über ihr ganzes Leben als Künstlernamen tragen wird: Jo Mihaly. Nach einer Ausbildung zur Säuglings- und Kinderkrankenschwester in Schneidemühl hielt es die junge Frau nicht länger aus in der Provinz und sie zog nach Berlin. Ihre Mutter empfahl ihr eine Gesangsausbildung, aber Jo Mihaly wusste damals schon, dass ihre Arbeit auf der Bühne dem Tanz gewidmet sein wird. Die Berliner Zeit begann mit Gesangsstunden und Tanzunterricht, den sie sich mit der Arbeit als Sekretärin verdiente. Sie wurde von Otto Haas-Heye, einem Modeschöpfer und Kunstprofessor in dessen Ballettensemble engagiert, das durch ganz Europa reiste und in Varietés auftrat. 1924 starb Jo Mihalys Mutter und darauf reagierte sie mit einem radikalen Bruch in ihrem Leben: Mit einer Kurzhaarfrisur und mit Gitarre startete sie einen Ausflug auf die Landstraße. Als „Tippelschwester“ zwischen Vagabunden und Reisenden, sammelte sie Erfahrungen, die sie später in ihrer Kunst verarbeiten würde. Jo Mihaly resümierte diese Zeit viele Jahre später: „Das mag überhaupt einen großen Teil meiner eigenen Zeit als Tippelschickse ausmachen, nämlich wirklich ein grenzenloses, ja brüderlich-schwesterliches Verhältnis zu denen, die so entsetzlich ohne Halt waren. Ich fühlte mich zu ihnen hingezogen und das, ich schwöre dir, das ist heute noch genau dasselbe.“2

Nach ihrer Rückkehr ins bürgerliche Leben und einem Gastspiel am oberschlesischen Dreistädtetheater Beuthen-Gleiwitz-Hindenburg in der Spielzeit 1925/26 zog es Jo Mihaly wieder nach Berlin. Sie wurde jetzt als professionelle Tänzerin engagiert und wirkte beispielsweise 1927 in Fritz Holls Inszenierung des Sommernachttraums von Shakespeare mit. Dort lernte sie den bekannten Regisseur und Schauspieler Leonhard Steckel kennen, den sie noch im gleichen Jahr heiratete. Mit Beginn der 30er Jahre begann für Jo Mihaly ein neuer Abschnitt ihrer künstlerischen Entwicklung. Sie entwickelt eine Kunst, für die im Kulturbetrieb erst noch die passenden Bezeichnungen gefunden werden müssen. Man spricht von einer „mimischen Tänzerin“ einer „Tanzschauspielerin“. Ihren eigenen Zugang zum Körper und der Ausdrucksweise durch Tanz beschreibt sie in ihrem Brief an den Freund und Dichtervagabunden Gregor Gog.

„Manchmal ist das Wort zu hart und der Bleistift zu spitz. Dann taste ich nach einem dritten Ausdrucksmittel. Ich habe kein anderes als meinen ziemlich trainierten Körper. So entsteht ein Tanz. Ich habe in Tingeltangellokalen getanzt, im Varieté, Zirkus und auf der großen Konzertbühne. Nein, es besteht kein Unterschied: die Bretter sind aus gleichem Holz; alles stammt von demselben Baum. Ich denke zum Beispiel „Abend“ und fühle den Abend, wie er über den weiten Flächen meiner Heimat steht. Ich versuche es zu tanzen und erschrecke, weil es ein kindhaftes Unterfangen ist. Dennoch lasse ich nicht davon ab.“3

Die von ihr kreierten „epischen Tänze“ wurden auch in den Kulturangeboten der Arbeiterbewegung der 20er Jahre zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Versammlungen. Von einem solchen Auftritt, bei dem Jo Mihaly 1932 in einer Arbeiterversammlung auftrat, berichtet ein Besucher: „Nachdem nun Erich Mühsam und Rudolf Rocker geredet hatten, kam Jo Mihaly auf die Bühne. In einfacher Arbeiterkluft gekleidet begann sie, nur von einem Klavierspieler begleitet, zu tanzen. Mit knappen, konzentrierten Bewegungen, mit den ausdrucksvollen Händen und dem erstaunlich wandelbaren Gesicht erzählte sie ihre sozialkritischen und agitatorischen Tanzgeschichten: „Vom Knecht, als er seinen Acker bekam“, „Von der Blume im Hinterhof“, „Indianische Baumwollpflückerin“, „Mütter“ und „Vision eines Krieges“. Kaum hatte sie ihren letzten Tanz beendet, eilte Mühsam, der von ihrem Auftritt ebenso überrascht und bewegt war wie das Berliner Arbeiterpublikum, auf die Bühne, um eine offizielle Dankesrede zu halten. Aber er sah die Mihaly nur an, breitete die Arme aus, und im nächsten Moment versank sie in seinem Rauschebart. Es wurde kein Wort mehr gesprochen.“4 Kurz nach Hitlers Machtübernahme wurde Jo Mihaly, Mutter ihrer Tochter Anja. Ihr Ehemann Leonhard Steckel, der sich als prominenter Theatermann und Jude und Kommunist in Lebensgefahr befand, nutzte eine Skandinavien-Tournee als ersten Sprung ins Exil und holte Frau und Kind im Juli 1933 nach Zürich, wo er ein Engagement am Schauspielhaus erhalten hatte. Für beide begann eine Zeit im Exil in der Schweiz, die durch die vorherrschende Asylpraxis oft unerträglich war. Der restriktive Umgang der Schweizer Behörden mit den aus Nazi-Deutschland geflüchteten wurde in den vergangenen Jahrzehnten historisch aufgearbeitet und publiziert.5 Für Jo Mihaly stand es außer Frage, dass sie sich, trotz Arbeitsverbot und strengen polizeilichen Auflagen, mit allen ihren Begabungen und ihrer kraftvollen Persönlichkeit für Flüchtlinge einsetzte und auch immer in Gruppen aktiv war, die versuchten der Hitlerregierung eine menschliche Alternative entgegen zu setzen.

Die Begabung und das Interesse am Schreiben wurde bei Jo Mihaly bereits früh gefördert. Ihre Mutter gab der Zwölfjährigen bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Rat, ein Tagebuch zu führen. Dies war ihre erster Versuch als Schriftstellerin und sie tat dies mit großer Genauigkeit. Später sollte daraus das Buch „…da gibt´s ein Wiedersehn! Kriegstagebuch eines Mädchens“ werden.6 Bereits 1929 erschien im Vagabundenverlag ihr erstes Buch „Ballade vom Elend“ zu dem sie auch die Scherenschnitte herstellte. Es folgten eine große Zahl von Büchern und Veröffentlichungen in Zeitungen u.a. „Michael Arpad und sein Kind“ 1930 und in der Exilzeit die Romane „Hüter des Bruders“ und „Die Steine“. Nach dem Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland kehrte sie für wenige Jahre nach Deutschland zurück, sie lies sich dann 1949 für viele Jahre in in der Schweiz in Ascona am Lago Maggiore nieder, wo sie weiter publizistisch tätig war. Sie konnte noch das wiederaufkommende Interesse an der „Kunden- und Landstreicherbewegung“ der 20er Jahre miterleben und wirkte an Büchern von Klaus Trappmann, dem Künstlerhaus Bethanien Berlin, u.s.w. mit.7 Jo Mihaly starb am 29. März 1989 in Seeshaupt am Starnberger See in Deutschland.

Weblinks und Einzelnachweise