Zum Hauptinhalt springen

Kulturbüro Frankfurt

Hans Sahl

Hans Sahl entstammt aus einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie. Geboren am 20. Mai 1902 in Dresden, wuchs er in Berlin auf, wo er als Jugendlicher den Untergang des Kaiserreichs und die Ausrufung der Republik erlebte. Sein Studium der Literatur- und Kunstgeschichte absolvierte er in Berlin, München, Leipzig und Breslau. Er schloss es 1924 mit der Promotion über altdeutsche Malerei ab und wurde ein Teil der kritischen und hochbegabten Dichter- und Journalistenszene, die in den 20er Jahren ihre Blüte erlebte. Bereits mit 21 Jahren war zum ersten Mal ein Gedicht von ihm in der bedeutenden Kultur- und Politikzeitschrift „Weltbühne“ erschienen, damals noch unter der Leitung des legendären Journalisten und Herausgebers Siegfried Jacobsohn. Es folgten Jahre als renommierter Film- und Theaterkritiker in den Feuilletons bedeutender Zeitungen (Berliner Börsen-Courier, Der Montag Morgen, Prager Tageblatt, Das Tage-Buch usw.). Siegfried Kracauer nannte Sahls Texte einmal „Attentate gegen die Gemütsruhe des bürgerlichen Lesers“. Er wurde gewarnt vor den schwarzen Listen der Nationalsozialisten, der Fluchtweg, nach der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler, führte ihn wie viele Emigranten zuerst nach Prag, von dort über Zürich nach Paris. Er gründete mit ca. 20 Autoren, unter ihnen Alfred Döblin, Irmgard Keun, Walter Mehring, Joseph Roth, den Schriftsteller-Verband „Bund Freie Presse und Literatur“. Bei Kriegsausbruch war er, wie viele deutsche Flüchtlinge, auch in Paris nicht mehr sicher. Die „unerwünschten Ausländer“ (étanger indésirable) wurden verhaftet und Hans Sahl kam nacheinander in verschiedene Internierungslager. 1940 konnte er sich nach einer Flucht aus einem Lager nach Marseille durchschlagen. Nach dem Kontakt zu Varian Fry, einem Amerikaner, der viele deutsche Flüchtlinge mit seinem Emergency Rescue Committee rettete, konnte er diesen unterstützen, bis ihm selbst 1941 über Lissabon die Einreise in die USA genehmigt wurde. Andere Autoren verstummten im amerikanischen Exil und es war ihnen nicht möglich, sich mit ihrer Arbeit dort den Lebensunterhalt zu verdienen. Hans Sahl fand viele Betätigungsfelder. Beispielsweise wurde er tätig für die Übertragung von Werken amerikanischer Autoren in die deutsche Sprache, unter ihnen Arthur Miller, Tennessee Williams und Thornton Wilder. Er veröffentliche Gedichtbände, Romane und Kurzgeschichten und war immer auch ein vielbeschäftigter Journalist. Sein Verhältnis zu seinem erzwungen Exil beschrieb er mit einer persönlichen Veränderung, die sich in ihm vollzogen hatte: „Ich bin ein exterritorialer Mensch geworden, ich habe einen Pakt mit der Fremde geschlossen. Ich kann nicht mehr ohne sie leben, ohne dieses Gefühl, nicht ganz zu Hause zu sein, ein Gast in fremden Kulturen, ein Reisender zwischen Abfahrtszeiten.“

Hans Sahl brauchte zwei Anläufe, bevor er endgültig aus seinem amerikanischen Exil nach Deutschland zurückkehrte. Von 1953 bis 1958 unternahm er den ersten Versuch einer Rückkehr, den er abbrach und wieder in die Staaten reiste. Er hatte gespürt und man hatte ihn wie viele andere „Heimkehrer“, spüren lassen, dass ihr Schicksal für die „wirtschaftswunderliche Bundesrepublik“ (Oskar Maria Graf) keine Relevanz hatte. In der heute noch als „legendär“ beschriebenen Gruppe 47 um Hans Werner Richter wurden Rückkehrer aus dem Exil ganz offen angepöbelt und entwertet: „Emigration war „konservierte“ Literatur der zwanziger Jahre, konservierter Stil, konservierte Sprache, konservierte Methode, schon 1947 veraltet und einer anderen Epoche angehörend.“ (Richter 1966). Zurück in der USA arbeitete Hans Sahl, der Künstler, der sich neugierig auch vom Kino und der Populärkultur faszinieren lassen konnte, für deutsche Zeitungen, denen er seinen Blick auf den „american way of life“ übermittelte und verfasste u.a. autobiographische Schriften. Erst 1989, drei Jahre vor seinem Tod im Alter von 92 Jahren, zog es ihn noch einmal nach Deutschland. Seinen Wohnsitz nahm er in Tübingen, wo er auch verstarb. Sein Ehrengrab befindet sich in Berlin. In den letzten Jahren konnte er noch die angemessene Würdigung seines Lebenswerks erleben. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz, den Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und wirkte mit an der Vorbereitung einer Gesamtausgabe seiner Schriften.

Weblinks und Einzelnachweise