Viele wurden Opfer der barbarischen Diktatur, deren Ende einige nicht mehr erlebten. Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler, Walter Hasenclever und viele andere kostbare Menschen gehörten dazu, viele begingen Selbstmord (Tucholsky, Toller). Sie alle starben in der Annahme, dass ein tausendjähriges Reich ein längeres, endloses Unheil stiften muss, als der vergleichsweise kurze moralische Bankrott Deutschlands. Nach dem Zusammenbruch im neuen Zeitgeist 1945 erging es den Rückkehrern und Heimkehrern schlecht. Niemand wollte etwas von ihrem Leid und ihrer Verzweiflung auf der Flucht und im Exil hören. Sie wurden angegriffen und verhöhnt, sie hätten „von den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie zugeschaut“ (Frank Thiess 1945). Für viele war die „wirtschaftswunderliche Bundesrepublik“ (Oskar Maria Graf) so unerträglich, dass sie sich erneut ins Ausland begaben.
Die Aufarbeitung und der Bewältigungsversuch des Themenbereichs der Shoa, die für uns als Theater und Liedschaffende ein wesentlicher Teil unseres Selbstverständnisses geworden war, beginnend mit den „modernen“ Theorien der Eugenik im 19. Jahrhundert und ihren grauenerregenden Folgen, ist eng verwoben mit dem Schicksal vieler Autorinnen und Autoren, denen hier eine Stimme verliehen wird. Fröhliche Außenseiter, die in der Forschung zum Dadaismus, zum Expressionismus, zur Boheme oder zum Feminismus immer wieder mehr oder weniger Beachtung fanden, stellen heute eine ausgestorbene Spezies dar. Wir hatten vereinzelt die Möglichkeit, uns von den Überlebenden ihr Schicksal erzählen zu lassen. Ich habe mit Rosalinda von Ossietzy-Palm eine Langspielplatte aufnehmen dürfen (Große Zeiten). Sie las Texte ihres Vaters, Carl von Ossietzky und ich sang die Songs aus der „Weltbühne-Revue“. Mit Jo Mihaly habe ich korrespondiert und vereinzelt mit ihr telefoniert. Der Kollege Walter Stapper hat 1977 in München Walter Mehring zum Frühstücken abgeholt und wurde dabei von der AZ überrascht. Hans Sahl, Hilde Domin, Rolf Reventlov und viele andere kehrten nach Deutschland zurück und waren für uns erreichbar. Freunde und Genossen von Erich Mühsam, wie zum Beispiel Augustin Souchy, Schorsch Usinger, Schorsch Hepp, Karl Gültig und viele Überlebende der Konzentrationslager, des Exils und des Untertauchens haben sich für uns Stunden Zeit genommen und waren auch an unserer Arbeit interessiert, sie haben mit uns diskutiert, uns kritisiert und waren lebendige Geschichte.
Heute fehlt die Stimme der Warner und Mahner aus den Reihen der Vaganten, die dann zu Flüchtlingen wurden. Die Gespräche mit unmittelbar Betroffenen, der Zugang zu Überlebenden und ihren Erfahrungen, gaben uns ein lebendiges Zeugnis und sie flossen direkt in unsere Produktionen ein. Wir fühlten uns manchmal wie die Stimmen der Verstorbenen, beauftragt ihre Geschichten zu erzählen. Und heute rufen ihre Texte: „Vergesst uns nicht!“
Cello
Cello
Akkordion
Akkordion
1. Lipping, Alexander; Grabendorff, Björn. Lieder der Landstraße – Texte und Noten mit Begleit-Akkorden, 1984, Fischer Taschenbuch verlag, Frankfurt a.M. ↩︎
2. Bohnenkamp, Anne et al. Mit Gunst und Verlaub! 2020, S.16f ↩︎
3. Felleckner, Thomas. Mittelalterliche Zünfte und moderne Handwerksorganisation. 2003, S2 ↩︎
Bitte haben Sie Nachsicht, dass das Material bei den ersten Auflagen der älteren Tonträger altersbedingt nachgelassen haben kann.
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