Erich Mühsam
Leben und Werk
Erich Mühsam, geboren am 06.April 1878 in Berlin, gehört zu den vielseitigen und immer liebenswerten Kleinoden der Literatur und Zeitgeschichte. Sein Tod am 10.Juli 1934 im KZ Oranienburg stellte eine grauenvolle Erlösung dar, nach den Folterqualen, die ihm nach seiner Verhaftung in der Nacht vom 28. Februar 1933 von den Nazi-Schergen zugefügt wurden. Es liegen ausführliche Berichte vor, die von den Verbrechen Zeugnis ablegen, die an ihm begangen wurden. Im Kontext der „Himmlischen Vaganten“ soll dem heiteren und bis zur Naiivität den Menschen vertrauenden Erich Mühsam gedacht werden. Bereits als Schüler fiel er als Revoluzzer auf und musste das Gymnasium verlassen. Seine anschließende Apothekerausbildung war weniger seiner Neigung geschuldet, als der Tatsache, dass sein Vater, Siegfried Mühsam, seit Ende der 80er Jahre erfolgreich in Lübeck Inhaber einer Apotheke war und so wohl der Plan entstand, für Erich, dem Ausreißer aus dem jüdischen Bürgerstand, doch noch eine Rückkehr in ein geordnetes Leben zu ermöglichen. Erich Mühsam, der immer sein rebellisches Wesen behielt, entzog sich diesen Plänen nach der Beendigung seiner Ausbildung durch eine „Flucht“ 1901 nach Berlin. Auch dort hielt es ihn nicht lange.
Bevor er 1909 zum festen Bestandteil der Münchner Boheme avancierte, gab es zahlreiche Aufbrüche und Neuanfänge, zumeist unter erbärmlichen materiellen Umständen, aber immer mit dem ganzen Herzen. Mühsam stand mit vielen verschiedenen Personen und Organisationen verschiedenster politischer Überzeugungen in Kontakt, deren Gemeinsamkeit der Traum einer neuen, gewalfreien, menschenwürdigen Gesellschaft war. Er war schon bald ein prominenter „Bürgerschreck“ und sein wildes Aussehen, mit dem wirren Haarschopf und dem verwilderten Bart, passte in das Klischee des Bomben schmeißenden Anarchisterich. Sein literarisches Schaffen, das vom Gedicht als Fanal bis zum Bänkellied und von der politischen Theorie bis zum Verfassen von Dramen reichte, passte sich nie den Gesetzen des literarischen Markts an. Viele seiner Werke erschien im Selbstverlag und in seinen selbstgegründeten Zeitschriften. Seine politische Heimat fand er in anarchistischen Organisationen. Als glückliche Fügung stellte sich seine Beziehung zu Kreszentia Elfinger heraus, die er 1915 heiratete. Zensel Mühsam war immer den Ideen und dem Temperament von Erich Mühsam auch über seinen Tod hinaus verbunden. Nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, an der Erich Mühsam als wichtiger Kämpfer teilnahm, wurde er 1919 von einem Standgericht zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Er kam 1924 im Rahmen der Amnestie für den Festungshäftling Adolf Hitler frei. Während fünf Jahre strenger Festungshaft stand ihm Zenzl Mühsam immer bei, auch durch ihr Engagement für andere politische Gefangene aus dem linken Spektrum. Es ist nicht möglich, das außergewöhnliche Leben von Erich Mühsam in wenigen Zeilen lebendig werden zu lassen. Sein Leben und Werk, seine Kämpfe und Überzeugungen verdienen eine zugewandte und detaillierte Darstellung, die den humorvollen und verspielten Mühsam versteht und Abscheu empfindet für den Hass, der ihm von Seiten der Reaktion immer wieder entgegengebracht wurde. Auch im KZ Oranienburg besuchte ihn seine Ehefrau und Kampfgefährtin Zenzl und verfasste einen eindrücklichen Bericht über die Qualen, denen er über Monate ausgeliefert war. Zenzl Mühsam wurde nach Erich Mühsams Foltertod auf ihrer Flucht aus Deutschland Opfer der stalinistischen Verbrechen. Sie verbrachte nahezu 20 Jahre in sowjetischen Gulags und in Verbannung unter schrecklichen Lebensumständen. 1954 wurde sie aus den stalinistischen Lagern entlassen und durfte nach Ost-Berlin ausreisen, wo sie 1962 verstarb.