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Kulturbüro Frankfurt

Walter Mehring

Leben und Werk

Viel wurde über Walter Mehring geschrieben, aber seine Bedeutung für die Bereiche der Literatur vom Dadaismus bis zum Expressionismus ist unbestritten. Sein umfangreiches Werk mit Romanen, Gedichten, Publizistik usw. ist für jeden Interessierten zugänglich. Diese Zeilen sollen eine Klarstellung über eine Gruppe von Wegelagerern der Literaturszene sein, die den Rückkehrern aus dem Exil regelrecht auflauerten. Die wenigen Monate, die Walter Mehring nach seiner (formalen) Beendigung der Emigration in Deutschland verbrachte, waren gezeichnet von einer Gleichschaltung der Meinungsbildung zum Nationalsozialismus, bei der jede Opposition unerwünscht war. Heute wird über die Jahre in Europa, die Walter Mehring nach seiner Rückkehr aus den USA überwiegend in der Schweiz verlebte, mehr und mehr die Legende des alten verbitterten Sonderlings verbreitet, der sozusagen „aus der Zeit gefallen“ war und für dessen Begabungen es keinen Bedarf (mehr) gab. Walter Mehring ahnte nicht, mit welcher Arroganz, Selbstgefälligkeit und Inkompetenz der neue Literaturbetrieb in Deutschland funktionierte. Bei der Mainzer Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1953 wurde er im Anschluss an seine Lesung von einem 25-jährigen aufsteigenden Stern der deutschen Literaturkritik in einer Weise angegangen, die heute noch beschämt. Der hochnäsige Debütant Joachim Kaiser verzichtete auf jede Vorkenntnis zu der Bedeutung vom Lebenswerk von Walter Mehring und „richtete“ den Heimkommenden mit einfältigen und simplen Worten: „Gefällt mir nicht“, „schlecht feuilletonistisch“ „wenig durchdacht“! Niemand wies den jungen Pinscher zurück, niemand verbat sich solch einen unverschämten dummen Ton gegenüber einem legendären Kollegen. Mehring war dem Literaturbetrieb im neuen Deutschland schutzlos ausgeliefert. Welch ein Schatz diesen Einfältigen verloren ging, zeigt ein kostbares Bilddokument, das 1964 von Michael Kehlmann geführte Gespräch mit Walter Mehring zu sehen auf You Tube. Hier lernt man Walter Mehring als einen 68 jährigen Experten kennen, der den Freund und Kollegen Ödön von Horvath beschreibt, analysiert und würdigt. Seine geschliffene Sprache und sein blitzender Schalk zeigen, dass er als Lehrender einer Universität den „jungen Wilden mit der Gnade der späten Geburt“ hätte das Fürchten lehren können. Er war der Altmeister der deutschen Sprache, er und nicht der junge Protegé mit dem anmaßenden Ton.

Eine weitere Quelle zur Beurteilung des „Heimkehrers“, die eher unscheinbar wirkt, da sie von einer Schülerin des 2. Bildungswegs, der 26-jährigen Manuela Mühlethaler übermittelt wurde, zeigt einen Walter Mehring, der sich reflektiert und bewusst mit seiner Situation in Deutschland nach dem Exil auseinandersetzt. Im Münchner Hotel WALTER MEHRING 9 Continental konnte er am 8. Oktober 1977 ohne Rücksichtnahme auf Verlage und Kulturszene und mit viel Verständnis für den Wissensstand der Nachkriegsgeborenen seine Ansichten vermitteln. Die Schülerin verschriftlichte das Interview von ihrem Kassenrecorder Wort für Wort und sie sicherte hiermit eine Quelle, die einen leichteren Zugang zu Walter Mehring ermöglicht, als die Sichtweisen von Germanisten, Kulturschaffenden und selbsternannten Experten.

Walter Mehring und Walter Stapper 1977

Mehring wird nach seiner Verarbeitung seiner Soldatenzeit im 1. Weltkrieg gefragt und antwortete: „Ich habe sie bis heute noch nicht verarbeitet. Teilgenommen könnte ich eigentlich nicht sagen. Ich wurde – es gibt dafür einen Ausdruck – 1916, ich ging da noch hier in München auf die Universität, gekidnappt vom Deutschen Heer und habe diesen Krieg bis zuletzt als Unfreiwilliger durchmachen müssen. Schon damals verdächtig in einer Sonderkompanie als ein sogenannter Pazifist oder Kriegsgegner.“ Diese Positionierung als absoluter Gegner jeder kriegerischen Auseinandersetzung wurde Walter Mehring in der Regel in anderen Interviews nicht ermöglicht. Auch seine Rückkehr nach Europa beschreibt er mit einer klaren Position: „Ich hatte vielleicht keinen anderen Grund, als dass damals meine französische Frau nach Frankreich zurückkehren wollte und wir auch eine kurze Zeit in Frankreich lebten, wo ich vorher schon einmal 23 Jahre gelebt hatte. So kam ich wieder nach Europa. Ganz freiwillig war das also nicht. Und ich würde heute noch, wenn ich im Augenblick nicht sehr leidend wäre, nach Amerika zurückkehren. Dorthin, wo ich mich am besten gefühlt habe, nämlich in die Princton University, New Jersey in den USA.“ Zur Schuld, die Deutschlands Kulturschaffende hätte anerkennen müssen gehört, dass Walter Mehring in dreifacher Weise von Deutschland Furchtbares erfahren hatte. Seine Mutter, die Opernsängerin Hedwig Löwensein war im KZ Theresienstadt 1942 im Rahmen der Shoa vernichtet worden. Mehring war als Jude und als engagierter Gegner der Nazis (Goebbels wünschte ihn bereits 1929 „An den Galgen“) immer in Lebensgefahr. Er wurde von den Verfolgern buchstäblich durch Frankreich gejagt, jederzeit konnte er verhaftet und in die Vernichtungslager überstellt werden. Sein Aufenthalt in den USA war gezeichnet von Armut, er war buchstäblich auf die Almosen seiner Freunde angewiesen. Die Genossenschaft der ehrgeizigen zukünftigen Erfolgsautoren hatten bereitwillig den Sprachstil eines (heute zurecht vergessenen) Frank Thiess übernommen, der bereits 1945 die Emigranten verhöhnte, die seiner einfältigen Meinung nach von den „Logen und Parterreplätzen des Auslands“ den Untergang Deutschlands beobachtet hätten. Mit dieser schmutzigen Sprache wurde die Absolution der Verbrecher des Nationalsozialismus begleitet, die man als zukünftige Leserschaft nicht ver-schrecken wollte.

Walter Mehring hat viele seiner unbedeutenden, ihn verkennenden Kollegen durch sein brillantes Lebenswerk überlebt. Er hatte bereits genug geleistet, um im Olymp der Literatur aufgenommen zu werden, als er angepöbelt wurde von dem noch um Aufmerksamkeit heischenden Kleinschriftsteller. Das schönste Bild zum Leben und Wirken von Walter Mehring stammt von seinem Freund und Kollegen Hermann Kesten, der in den Jahren des Exils sinngemäß schrieb: „Wenn ich aus meinem Fenster blicke sehe ich manchmal den Dichter Walter Mehring seinen Hund ausführen. Ich möchte das Fenster aufreißen und ihn warnen! Passen sie auf, dass man sie nicht fängt und im Nationalmuseum ausstellt in einer Glasvitrine mit der Aufschrift: Der letzte deutsche Dichter, gefangen im Zustand des Exils.“

Weblinks und Einzelnachweise