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Kulturbüro Frankfurt

Überschrift 1

„Ich wurde am 23. Mai 1886 zu Neiße geboren. Nach neun Jahren Neißer Gymnasium studierte ich in München und Breslau Literatur- und Kunstgeschichte (nominell Germanistik). Von 1909 ab weilte ich in Neiße bei meinen Eltern, in freiere Schriftstellertätigkeit. Der Krieg bereitete mir die große Enttäuschung des Versagens von geistigen Vorbildern, an deren Unerschütterlichkeit ich inbrünstig geglaubt hatte. In der Folge vernichtete er die wirtschaftliche Existenz meiner Eltern. Meinem Vater, dessen gütiger Menschlichkeit die Mordorgie stets unfaßbarer Fluch war, brach ein Schlaganfall um Weihnacht 1916 das wunde Herz, meine Mutter folgte ihm freiwillig. Seit 1917 lebe ich in Berlin, voll Sehnsucht nach verlorenen Paradiesen der Freiheit und des Schweifens durch heimatliche Weiten, einzig aufrecht erhalten in einer Welt von Widrigkeit durch das unverdiente Glück der Herzeinigkeit mit „der Frau, der meine Nerven glauben“. Meine Dichtungen bestreben sich, mein Dasein umzusetzen in jenes Erfühlt-Musikalische-Rythmisch-Volle, was ich für das Ursprüngliche und Wesentliche des Lyrischen halte. Und nicht zuletzt soll mein Werk gehört werden als ein unverkennbares Bekenntnis zu einer in Blut und Hirn verankerten Weltanschauung, der aller Gewalt- und Machtkult als der ewige Widersacher gilt und die sich einsetzt für eine Erlösung alles Irdischen, vor welcher Herrschen und Beherrschtwerden zwei gleich verwerfliche Spiegelungen ein und desselben Bösen sind.“1

Überschrift 2

Max Hermann-Neiße, der sich in diesen Zeilen selbst vorstellt, brach sein Studium ab, zog noch einmal in seine Heimatstadt Neiße, um dann 1917, mit seiner jungen Liebe Leni Gebek, den Sprung in die Metropole Berlin zu wagen. Er hatte die Hoffnung, dort als freier Schriftsteller leben zu können. Das junge Paar heiratete in Berlin. Er nannte sich von diesem Zeitpunkt an Max Hermann-Neiße und die Eheleute stürzten sich in das Großstadtleben mit einer unglaublichen Energie und Neugierde. Es ist der akribischen und kompetenten Arbeit vom Theatermann Klaus Völker zu verdanken, dass wir die wilden Berliner Jahre von Max-Hermann-Neiße und seine unglaubliche Vielseitigkeit wiederentdecken können. Macke, wie seine Freunde ihn nannten, schrieb und veröffentlichte Prosa, Lyrik, Theaterkritiken und Theaterstücke. Manchmal war er selbst auf der Bühne zu sehen, im Theater oder im Varieté, als Rezitator und Mitwirkender. In zwei Stummfilmen stand er vor der Kamera und er gehörte zusammen mit seiner Ehefrau zu den bekannten Persönlichkeiten der Kulturszene. Macke und Leni, das war ein Paar das Aufsehen erregte und jeder Tag war angefüllt mit Besuch von Kulturveranstaltungen und dem Zusammentreffen mit den wichtigsten VertreterInnen der kulturellen Halbwelt und der Großkultur. Max Hermann-Neiße wird in dieser Zeit als die meist portraitierte Person des öffentlichen Lebens bezeichnet und Leni Hermann ist die Adressatin der meisten Liebesgedichte. „Die Gedichte, die von Ihnen handeln, sind einzig in ihrer Innigkeit von unwandelbarem Glück, samt den schmerzlichen Zwischenklängen. Ich glaube, dass eine dermaßen beständige Verbundenheit niemals ausgedrückt und nur selten erlebt worden ist“, schreibt Heinrich Mann 1941 aus dem kalifornischen Exil an Leni. Dem Verleger und Herausgeber Christoph Haaker gebührt das Verdienst, ein Buch herausgebracht zu haben, in dem diese ungewöhnliche Liebesbeziehung sich selbst dokumentiert.2 Eine Betitelung von Max Hermann-Neiße auf dem Umschlag des Buches, die wenn sie in der U-Bahn einem Wildfremden gegolten hätte, sofort eine Strafanzeige zur Folge gehabt hätte, entwertet das Buch nicht. Sie hat aber andere unachtsame und dumme Kulturmenschen dazu verleitet, die Abwertung und Verachtung gegenüber dem Aussehen des Künstlers und die Beschreibung seiner Liebesgemeinschaft als Klatschthema für den Mob noch weiter auszukosten und niveaulos weiterzutreiben. Das Buch selbst, insbesondere die ergreifenden Zeilen von Leni Hermann, werden von diesen Geschmacklosigkeiten nicht berührt.

Überschrift 3

Zu der Schicksalsgemeinschaft von Max und Helene gehörte auch der 1881 in Frankfurt am Main geborene Juwelier Alphonse Sondheimer, der das Ehepaar aus den wilden Berliner Zeiten kannte. Es war wohl der politische Instinkt von Leni Hermann, der Alphonse Sondheimer das Leben rettete, denn sie bestand 1933 direkt nach dem Reichstagsbrand darauf, sofort Deutschland zu verlassen, gemeinsam mit Max Hermann-Neiße und Alphonse Sondheimer. 3 Der klugen finanziellen Vorsorge von Alphonse Sondheimer ist es zu verdanken, dass die Eheleute im Exil keine materielle Not litten und Max Hermann-Neiße von zwei Personen betreut und beschützt wurde, die um sein Wohlergehen besorgt waren. Das Exil beschleunigte seinen körperlichen Verfall und seelisch fühlte er sich „Heimatlos“: „Wir ohne Heimat irren so verloren / und sinnlos durch der Fremde Labyrinth“. Max Hermann-Neiße starb am 8. April 1941 in London.