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Kulturbüro Frankfurt

Titel

Im renommierten Gustaf Kiepenheuer Verlag erschien 1925 das Buch eines 27-jährigen Dichters, in dem auf 229 Seiten 174 seiner Gedichte abgedruckt waren. Auf der zweiten Seite befindet sich ein Foto mit der Unterschrift: Jakob Haringer, nach einer Büste von Franz Xaver Zerle.1 Eine 7-seitige Einlage des bekannten Schriftstellers Alfred Döblin, der sich mit Haringers Werk auseinandersetzte, wertete das Buch „Die Dichtungen“ zusätzlich auf. Wie kam es zu dieser großen Beachtung für einen sehr jungen Dichter, wer war dieser Jakob Haringer? Er selbst schreibt „Ja, ich bin ein Phantast, ein Tagedieb – aber ich glaub´, wirklich mein Leben lang nichts Schlechts getan, als zuviel geträumt zu haben.“2 Die Literaturwissenschaft siedelt ihn „stilistisch bestenfalls am Rande des Spätexpressionismus an, als prominenten Namen des deutschsprachigen Literaturbetriebs.“3 Die vielen Mythen und Irrtümer über Jakob Haringers Leben erstrecken sich über zahllose Kurzbiographien, die von und über ihn in Anthologien und Zeitschriften Einzug fanden, solange, bis 1966 eine Dissertation über sein Leben und Werk abgeschlossen wurde. „Werner Amstadt kommt das große Verdienst zu, das Gespinst der Mystifikation, das Haringer um sich zieht, soweit irgend möglich zerstört zu haben, auf weite Strecken gelangt man über ein lückenhaftes Itinerar anscheinend nicht mehr heraus. An seine Arbeit muss sich jeder biographische Versuch anlehnen.“4 Gleichzeitig fußt Haringers lange literarische Existenz auf seiner Fähigkeit, die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verwischen oder aufzuheben. Es ist ihm immer gelungen wahrgenommen zu werden und Aufsehen zu erregen. „Von wenigen wird er enthusiastisch bewundert, von wenigen vehement abgelehnt und von vielen wird er ungerechterweise nicht beachtet.“ 5 Es gehört zu den unbestreitbaren Verdiensten dieses Mannes, dass sich auch viele Jahrzehnte nach seinem Tod immer wieder Interessierte finden, die den „unvergesslichen“ Vergessenen (wieder-)entdecken. Seine Umtriebigkeit und seine Begabung, sein Publikum zu bedienen, Bilder und Assoziationen zu wecken, die ihn von anderen abhoben und sein Alleinstellungsmerkmal sind, waren außergewöhnlich. Ob er diese Fähigkeiten bewusst einsetzte oder ob er als Getriebener seinem Naturell nachgeben musste, lässt sich oft nicht klar erkennen und stellt in seinem Leben wahrscheinlich keinen Widerspruch dar. Haringer wuchs auf in einer Zeit, in der Vagabundentum und Nichtsesshaftigkeit sowohl im Unterhaltungsbereich, aber auch in der Literaturszene eine eigene Literaturgattung darstellten.6 Auch im Bereich der expressionistischen Geistesbewegung, deren Wegbegleiter Haringer war, tauchen viele seiner Lebens- und Dichtungsthemen auf, mit denen er sich identifizierte. „Der eigentliche Inhalt expressionistischer Rede von Armut und Bettlerschaft des Menschen läßt sich ahnen. Alltagselend ist in dieser Rede einbeschlossen oder wird sogar, als besonders bildkräftig, in den Vordergrund gerückt, – der Hungernde ist ein sofort und allgemein verstandenes Sinnbild des Armen. (…) Armut und Bettlertum meinen vielmehr in expressionistischer Dichtung einen in die Tiefenschichten des Seins hinabreichenden Sachverhalt, sie gehören zur Grundausstattung des Menschen, symbolisieren seinen Mangel-Charakter als Erdenwesen, sind Metaphern für dessen prinzipielle Defizienz.“7 Als Vermittler zwischen romantischer Liedtradition, modernem Boheme-Chanson und genuiner Vagabundendichtung erscheint dagegen Jakob Haringer nach einem Urteil Adornos wie „eine Mixtur aus Verlaine und Infantilismus“. Seine Biographie ist schwer zu erhellen, teils auf Grund seiner Mystifikationen, teils auf Grund seiner Lebensweise, „da von denen, die unterwegs sind, die literarische Öffentlichkeit spärlich Kunde bekommt“. Er hat, „lebend wie schreibend, die Mär vom armen Jakob Haringer gefördert, vom gebildeten Lumpen, vom vagabundierenden Intellektuellen.“8 Viele Bewertungen und Beschreibungen, die Jakob Haringer in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat, zeigen Unverständnis bis zur Abscheu vor seinen „inneren Abgründen“. Ob die Liebschaften von Jakob Haringer oder die von Peter Härtling „unappetitlicher“ waren9, entzieht sich der germanistischen Forschung. Es ist nur auffallend, dass gerade Haringer seine Herausgeber und Wiederentdecker immer wieder in den gleichen Parcours lockt: Man wirbt mit den exotischen Besonderheiten seines Lebens, um sie dann Stück für Stück als vom Dichter „erlogen“ zu entlarven und sich darüber empört zu zeigen. Tatsächlich hat Jakob Haringer in seinem Leben nichts getan oder behauptet, was andere Künstlerkolleginnen und Kollegen nicht auch (vielleicht nicht ganz so konsequent) über sich verbreitet oder „verbrochen“ haben. „Ambivalenz und Spannung sind das Gesetz in Haringers Leben und Werk. Verschlagen und ergeben, geltungssüchtig und kindlich unbeholfen, eitel und sich vernachlässigend, hungernd und erster Klasse reisend: eine endlose Reihe von gegensätzlichen Attributen kann man für ihn aufstellen.“10 Oder mit den Worten des Biographen Werner Amstad: „Sein Lebensweg ist ein Kreis, der immer wieder abgeschritten wird und dessen Peripherie die gegensätzlichsten Extreme berührt. Seine Dichtung ist wie sein Leben: ein Kreis, ein Karussell.“11 Besonders die ihm zugetanen Unterstützer hatten es oft schwer mit Jakob Haringer und seinen abrupten Stimmungswechseln, die ihn aus der unterwürfigen Bittstellerrolle oft zum zornigen Ankläger werden ließen. So flehte ein sichtlich genervter Hermann Hesse, der sich zuvor mit ganzem Herzen für Haringer eingesetzt hatte, 1928 in einem Brief um Gnade: „Bitte lieber Kollege, lassen Sie mich in meiner Höhle leben und untergehen, ohne mir das Freundliche, das ich Ihnen hatte erweisen wollen, durch Vorwürfe und Beleidigtsein zu vergelten! Ihr Hermann Hesse“12 Haringer hat an seiner Exotenrolle ziemlich professionell mitgewirkt. Viele Eigenarten, die den echten und authentischen Schriftsteller seiner Zeit ebenso zur Alltagsbewältigung dienten, wirken bei ihm pathologisch. Auch andere Schriftsteller haben keinen Brotberuf ausgeübt und waren bemüht, ihre KollegInnen und Mitmenschen anzupumpen. Bei Haringer hat das System von gedruckten Aufforderungen zur Abgabe einer Unterstützung ebenso einen modernen, professionellen Aspekt, wie auch die Adressenbeschaffung seiner Zielgruppe durch Kürschners Deutschen Literaturkalender. Der Aspekt der Selbstvermarktung, einer Legendenbildung die ihm noch heute Aufmerksamkeit und Geltung verleiht, sollte neben der germanistischen und literaturgeschichtlichen Betrachtung nicht übersehen werden.

So