Zum Hauptinhalt springen

Kulturbüro Frankfurt

Titel

„Als ein „Mystiker“, der sich eins fühlte mit Gott, als ein „Theosoph“, der um Gott und die göttlichen Geheimnisse wußte, als ein „Okkultist“ für den es nichts Dunkles mehr gab, so ging, nein „schritt“ der Dichter Franz Evers (geb. 1871 zu Winsen an der Luhe am Rand der Lüneburger Heide) ewig feierlich, ewig in Inbrunst und seelischer Glut, immer den Blick nach oben, der „anderen Welt zu gerichtet“, den „neuen Menschen“ als Führer voran.(…) Als alt- und neutestamentlicher Messias zugleich, als Priesterkönig und Weltenheiland wußte Evers sich die Welt vorzustellen: er trug Königskrone und Lorbeerkranz, Priesterbinde und Dornenkrone; die Gabe eines Propheten und Dichters, Gesichte zu schauen, möchte er mit der Gabe des Stifters eines neuen Bundes, Gesetze zu prägen, vereinen. Bald war in seinen zahlreichen Sammlungen das eine, bald das andere betont, bald sang er Psalmen (1893), besang er „Paradise“ (1897), bald gab er „Königslieder“ (1894) oder „Deutsche Lieder“ (1895), bald „Sprüche aus der Höhe“ (1893), bald legte er „Fundamente“ (1893) oder vollendete sich in Gedichten, die er „Halbgott“ (1900) nannte. Immer aber waren es „Hohe Lieder“ (1896).“

So stellte der Literaturhistoriker Albert Soergel 1928 Franz Evers in seinem Buch „Dichtung und Dichter der Zeit“ vor.1 Geboren als Sohn des Eisenbahnstation Assistenten Heinrich Friedrich Evers in Winsen an der Luhe, zog Franz mit seiner Familie bald nach seiner Geburt nach Hannover. Nach dem Gymnasium schloss er 1889 eine Buchhändlerlehre in Goslar ab, die ihm in seiner weiteren literarischen Karriere zugutekam. Die erste Literaturzeitschrift gründete er 1890, auf die 1892 die Anthologie „Symphonie“ folgte. Im gleichen Jahr zog er nach Augsburg, wo er eine Stelle als Redakteur bei den „Augsburger Nachrichten“ antrat. „Die Jahre 1898-1907 verbrachte Franz Evers wieder in Goslar. Aus der Goslarer Zeit weiß Richard Fehlandt nach zeitgenössischen Darstellungen zu berichten, daß der Dichter ernsten Blickes und etwas geneigt durch die Straßen ging. Er trug dabei einen großen schwarzen Künstlerhut und einen wehenden Künstlerschlips. Gerne rauchte er lange Zigaretten. In Goslar war er auch ein fröhlicher Zecher. Man schrieb ihm auch die Urheberschaft des „Prünellenschnapses“ zu, ein Getränk, das zum Wohle des Dichters getrunken wurde: In ein Gläschen, das dreiviertel mit Pflaumenlikör gefüllt war, wurde aus einem silbernen Kännchen ein Schuß süße Sahne gegossen.“2 Neben dem „Erkennen der geheimnisvollen Tiefe des Daseins verborgener Weisheit“ waren es auch durchaus weltliche Genüsse, denen sich Franz Evers hingab. Er war 1907, als er nach Berlin zog, gut vorbereitet auf den „mit sakraler Hingebung betriebenen Alkoholgenuß zwecks Erreichung des seelenlösenden wirklichkeitsüberflügelnden Rausches“ (Julius Bab3), wie er in der Berliner Boheme betrieben wurde. In den einschlägigen Lokalitäten, dem „Kleinen Xantener“ am Savignyplatz oder dem, später zu großer Berühmtheit gelangten, „Schwarzen Ferkel“, der Wein- und Probierstube G. Türke in der Neuen Wilhelmstraße, begegnete Franz Evers einem illustren Kreis zum Teil exzentrischer Persönlichkeiten wie Strindberg, Munch, Knut Hamsun, Dehmel und vielen anderen. Den regelmäßigen Konsum großer Mengen von Alkohol thematisierte Franz Evers aus unterschiedlichen Aspekten. Zum einen notierte er stolz, wenn er einen Tag ohne Rausch ausgekommen war, zum anderen steht dort: „Ein Theosoph sagte mir, der Alkohol in jeder Form sei schädlich, weil er das Ichbewußtsein schwäche und aufhöbe. Darin liegt aber gerade der Reiz und die Gnade, die er spendet. Was der Mystiker durch Übung erreichen kann, das völlige Aufgehen des Ichbewußseins in das Allbewußtsein, in das göttliche Eine, was der Künstler in schöpferischer Ekstase erlebt, was Frau und Mann in der tiefsten Innigkeit ihrer Vereinigung erfahren, das wird dem Philister, dem normal Gequälten, dem von Sorgen Bedrückten und dem im Leben Verlorenen künstlich durch den Rausch des Alkohol zuteil.“4 Der polnische Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski gehörte zu den wichtigen Persönlichkeiten des Literatenkreises im „Schwarzen Ferkel“. Er ist eine der wenigen Quellen, die eine Mitwirkung von Franz Evers in der „Galerie verdammter Seelen“ (Strindberg) dokumentiert: „Franz Evers, der Theosoph und Verehrer der Madame Blavatsky, zerbiß Glas und schluckte es hinunter; er war angeblich ein „Hela“, der Schüler eines indischen Guru, deshalb konnte er ohne weiteres Glas schlucken; es tat nichts zur Sache, daß er sich die Mundhöhle verletzte und sie eine Woche lang blutete, auf alle Einwände, daß er doch auf keinen Fall ein „Mahatma“ werden würde, antwortete er mit der einzigen französischen Wendung, die ihm zu Gebote stand: „Nous verrons, nous verrons!“5“

Karikatur von Franz Evers,
angefertigt von Bruno Paul 2
Foto von Franz Evers 7

Nach der Eheschließung mit der vermögenden Schriftstellerin Helge Milner verlief das Leben von Franz Evers in ruhigeren Bahnen. Im Haus in der Württembergischen Straße in Berlin Wilmersdorf konnte er sich ganz seinem Werk widmen und führte Vorlesungen durch. Hier entstand in den Jahren 1943 bis 1945 ein zehnteiliges Werk, „Der Weg“, das als die reifste Dichtung seines Lebens bezeichnet wurde. Franz Evers starb mit 76 Jahren am 14. September 1947 in Niemberg (Sachsen Anhalt). 6

Weblinks und Einzelnachweise

  1. Soergel, Albert. Dichtung und Dichter der Zeit Eine Schilderung der deutschen Literaturder letzten Jahrzehnte. 1928, S.624 ↩︎
  2. Scheider-Römheld, Walter. Franz Evers Ausgewählte Dichtungen, herausgegeben von Hildegard von Kleist, Waldemar Hoffmann Verlag Berlin, 1970,  S.127 ↩︎
  3. Bab Julius. Die Berliner Boheme. 1904, S.58 ↩︎
  4. Franz Evers Tagebuch aus dem Jahr 1912 zitiert nach Prenzel Andreas „Vom Taumeltrank der Ewigkeit“ Der Verlag „Kreisende Ringe und sein Mentor Franz Evers – Dichter, Theosoph und Halbgott in: Keiderling, Thomas et al. 2002 Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 11 (2001/2002) S.119 ↩︎
  5. Przybyszewski, Stanislaw. Ferne komm ich her –  Erinnerungen an Berlin und Krakau. 1985, S.153f ↩︎
  6. Scheider-Römheld, Walter. Franz Evers Ausgewählte Dichtungen, herausgegeben von Hildegard von Kleist, Waldemar Hoffmann Verlag Berlin, 1970, S.93 ↩︎
  7. Scheider-Römheld, Walter. Franz Evers Ausgewählte Dichtungen, herausgegeben von Hildegard von Kleist, Waldemar Hoffmann Verlag Berlin, 1970 ↩︎