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Kulturbüro Frankfurt

Steckbrief der Weimarer Republik

D i e  W e l t b ü h n e  hat noch heute einen legendären Ruf. Nach Jahrzehnten ruft der Name Groll bei den einen, freudige Sympathie bei den anderen hervor; erstaunlich lebendige Nachwirkungen eines aktuellen Blattes. Es stimmt offenbar, dass „die Weltbühne“ mehr als andere Zeitschriften für eine Art Steckbrief der Weimarer Republik gehalten wird.“[1]

(Axel Eggebrecht, in „Der halbe Weg“)

Das Blatt wurde 1905 von Siegfried Jacobsohn als reine Theaterzeitschrift gegründet – damals noch unter dem Namen „Die Schaubühne“ -, aber es entwickelte sich zunehmend zu einer politischen Streitschrift. Schon die Schaubühne war für Jacobsohn ein Organ, das „starken und feinen Geistern die Möglichkeit einer rückhaltlosen Aussprache ihrer Gedanken, ihrer Gefühle, ihrer Ideale geben wollte.“ „Diese Geister“, schrieb Jacobsohn, „sollen nach Möglichkeit annähernd gleichwertig sein, aber gleichartig brauchen sie keineswegs zu sein.“ Das Prinzip der Meinungsvielfalt wurde in den zwanziger Jahren zum Markenzeichen für den Journalismus der Weltbühne. Vertreter der unterschiedlichsten Gruppen kamen hier zu Wort, wenn auch alle Mitarbeiter ein gemeinsames Anliegen hatten: den formalen Begriff der „Republik“ mit Inhalt und Leben zu füllen.

Siegfried Jacobsohn

Am Anfang gab es für Jacobsohn nur das Theater. Als Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie am 28. Januar 1881 in Berlin geboren, besuchte er mit neun Jahren zum ersten Mal eine Theatervorstellung. Bereits für den Fünfzehnjährigen stand fest, dass sein Beruf einig der eines Theaterkritikers sein könne. Mit sechzehn verließ er ohne Abitur das Gymnasium, schrieb sich als Gasthörer an der Berliner Universität ein und besuchte täglich eine Vorstellung im Theater. Mit neunzehn erschien seine erste Kritik; Hellmut von Gerlach, Chefredakteur der „Welt am Montag“, entdeckte den jungen Mann für seine Zeitung, und mit kaum zwanzig Jahren war Jacobsohn Theaterrezensent. Als solcher machte er sich schnell einen Namen, seine Besprechungen waren so unbeeinflussbar und schonungslos, dass er laut eigener Aussage „nach kürzester Zeit über die Massen verhasst war.“[2]

Im November 1904 wurde der rasche Aufstieg Jacobsohns durch den Plagiat Vorwurf eines Kollegen im „Berliner Tageblatt“ jäh gebremst. Die Ernsthaftigkeit, mit der dieser „Skandal“ wochenlang die Berliner Zeitungen beschäftigte, zeigt, welchen großen Stellenwert die Theaterkritik in jener Zeit hatte, und wie viele Feinde sich Jacobsohn als Kritiker gemacht hatte.

Er gab seine Tätigkeit bei der „Welt am Montag“ auf und begann schon ein paar Wochen später, sich mit einem neuen Projekt zu beschäftigen: der Gründung einer eigenen Theaterzeitschrift. Auf einer Reise durch Österreich, Italien und Frankreich nahm er Kontakt mit bekannten Autoren der Zeit auf (Hofmannsthal, Schnitzler, Polgar) und gewann sie als Mitarbeiter. Er hatte überhaupt die Fähigkeit, Menschen mitzureißen und von seinen Plänen zu begeistern; Verhandlungen mit Geldgebern, Druckern und Schriftstellern verliefen so erfolgreich, dass am 7. September 1905 die erste Nummer der Schaubühne erscheinen konnte.

Hierzu schreibt Kurt Tucholsky 1930: „Die Schaubühne erschien. In den ersten drei, vier Jahrgängen stand S. J. ohne es zu wollen, im Mittelpunkt der Zeitschrift. Seine Theaterkritik der Woche war das Rückgrat; drum herum fanden sich wichtige und fesselnde Aufsätze über das Theater und auch über die Literatur (…), aber ganz am Anfang war da noch kein eigener Ton, die einzelnen Nummern bildeten noch nicht solche wohlorchestrierten Einheiten wir später. Der Theaterkritiker S. J. war auf der Höhe. Der Redakteur war noch im Werden.“[3]

Siegfried Jacobsohn, der sein „Blättchen“ oft als „sein geronnenes Herzblut“ bezeichnete, arbeitet unermüdlich an der Verbesserung seiner Zeitschrift; er erprobte neue Sparten und Formen. Hierzu schreibt Tucholsky: „(…) und in diesen Jahren – etwa um 1911 – bildete sich in der Schaubühne das heraus, was später den Geist der Weltbühne ausmachen sollte: die blitzblanke Redaktionsarbeit; die treffliche Auswahl der Mitstreiter; das unsichtbare, aber stets spürbare Patronat des Regisseurs, der für alle seine Leute die gleiche gute deutsche Sprache forderte, von einer Unerbittlichkeit im Stil, die von keinem seiner Gegner jemals erreicht worden ist. Das ging bis ins Winzigste. Das Blatt erweiterte sich; zum zum Ernst gesellten sich Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, denen eine Stelle zu gönnen in diesem durchweg zweideutigen Leben kaum irgendein Blatt zu ernsthaft sein kann.“

Jacobsohn verteilte Aufträge unter seinen Mitarbeitern mit detaillierten Angaben über Art und Form der Ausarbeitung, er „kommandierte die Poesie“, wie Tucholsky es nannte, und „er pflegte seine Briefe in lauter kleine Absätzchen aufzuteilen (…). Die Sätze waren schneidend scharf, biegsam; die letzte Nuance dessen, was er sagen wollte, stand in ihnen (…) Diese Akkuratesse war der Hauptpfeiler jeder Zusammenarbeit mit ihm.

Dazu kam das, was Alfred Oolgar einmal die ‚Treibhausluft der Liebe‘ genannt hat. Seine Förderung war aus Egoismus altruistisch; es machte ihm nämlich wirklich Vergnügen, wenn er etwas Gutes bekam.

Er kitzelte es aus uns heraus, er peitschte es hervor, er lockte, rief, schalt, half, verbesserte – es machte Freude, ihm Freude zu machen.“

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges veränderte die Konzeption der Schaubühne grundlegend. Die niveauvolle Theaterzeitschrift musste mit ansehen, wie die deutschen Bühnen von billigen Helden-Dramen schlechtester Machart überschwemmt wurden, und je mehr Jacobsohn versuchte, gegen diese patriotische Trivial-Flut anzukämpfen, desto mehr musste sich sein ‚Blättchen‘ mit den politischen Hintergründen des Krieges und der Situation im Reich auseinandersetzen. Für Blut- und Bodenschreiber hat es in der Schaubühne nie einen Platz gegeben, „die äußeren Ereignisse des Krieges, die Schlachten etc. wurden kaum erwähnt, um so stärker war das Interesse an der Friedensfrage und den Problemen einer zukünftigen Gesellschaftsreform Deutschlands. Will man die recht nuancierten Antworten auf diese Frage auf einen Nenner bringen, so ergibt sich; Gesucht und gefördert wurde jede Möglichkeit, zu einem Verständigungsfrieden zu kommen; und, was das innere Gefüge des künftigen Deutschlands betraf, alle Bestrebungen wurden unterstützt, die darauf abzielten, dem kämpfenden Volke nach Friedensschluss größere Rechte und Möglichkeiten einer demokratischen Freiheitserweiterung zu bringen“. (Alf Enseling, in: „Die Weltbühne – Organ der intellektuellen Linken“)[4]

Für Jacobsohn begann in den Jahren 1914-18 eine Entwicklung zum überzeugten Antimilitaristen und Republikaner, die sich in ihren einzelnen Phasen in den Heften der Schaubühne nachvollziehen lässt. Mit der Ausgabe vom 4. April 1918 wurde dieser Veränderung auch äußerlich Rechnung getragen: Die Zeitschrift erschien nun unter dem Titel „Die Weltbühne“.

Kurt Tucholksy beschreibt die Rolle des Blattes in der Nachkriegszeit: „Zunächst galt es, die vier Jahre erzwungenen Schweigens nachzuholen. Ich begann mit einer Artikelserie ‚Offizier und Mann‘. Nun ging es los. Die Wirkung war beispiellos, Broschüren und Bücher erschienen gegen uns; das Blatt war so verhasst, wie es beliebt war, und das wollte etwas heißen.

S. J. lebte auf – in diesen Jahren hat er seine Meisterprüfung als Redakteur abgelegt, wenn es einer solchen noch bedurft hätte. Von allen Seiten strömte ihm das Material und die Menschen zu; er sichtete, verwarf, nahm an und holte neue Leute in seinen Kreis. (…) In diesen Nachkriegsjahren hat die Weltbühne in Deutschland gute Reinigungsarbeit getan. Wir hatten uns einige Male den tragischen Spaß gemacht – nach dem Kapp-Putsch, nach der Ermordung Rathenaus – unsere Voraussagen zusammenzustellen: es war erschreckend.

Was die Berufspolitiker, diese berufsmäßigen Blinden, mit wegwerfendem Pusten durch die Nase abzutun geglaubt hatten, das war fast immer blutige Realität geworden; wir hatten traurig Recht behalten. (…) Am Zeigerblatt der Weltbühne kann man die Geschichte der Nachkriegszeit ablesen.“

Die Weltbühne konnte bis 1925 ihre Auflage auf 12.600 Exemplare steigern. Die tatsächliche Leserzahl war aber weit höher, in vielen Städten gab es Leserkreise, die sich wöchentlich zu Diskussionen über Weltbühne-Artikel und -Themen trafen.

Kurt Tucholsky im Paris (1928)

Axel Eggebrecht, der seit 1925 zu den regelmäßigen Mitarbeitern der Weltbühne gehörte, beschreibt in seiner Lebenserinnerung „Der halbe Weg“ die Bedeutung der Zeitschrift in der Weimarer Republik: „(…) hier wurde rascher als anderswo begriffen, dass gar keine Revolution stattgefunden hatte. Ein kriegsmüdes Volk hatte aufgegeben, die Mehrheit stand der jungen Republik gleichgültig gegenüber. Halbherzige sozialdemokratische Führer ließen das Gesellschaftssystem unverändert, stützen sich in den vorübergehenden Wirren sogar auf nationalistische Freikorps. Richter, Beamte und Militärs blieben unangefochten auf ihrem Posten. Deutschland war nur dem Namen nach eine demokratische Republik geworden.[5]

Die Weltbühne kämpfte dafür, dass daraus Wirklichkeit würde. Sie deckte drohende Gefahren auf, die von rechtsradikalen Banditen begangenen Fememorde, die geheime Aufrüstung der Reichswehr und so manchen Skandal in Verwaltung und Wirtschaft. Dafür wurde sie von den Ertappten gehasst und mit Vorliebe bezichtigt, sie unterwühle den Staat; ein Vorwurf, der auch heute noch gedankenlos kolportiert wird. Ein Seismograph ist nicht schuld an Erdbeben, deren dumpfes Grollen er registriert.“

Am 3. Dezember 1926 starb Siegfried Jacobsohn völlig unerwartet, und obwohl er ständiger Motor seines geliebten ‚Blättchens‘ war und jede Zeile vor dem Druck durch seine Hände ging, geschah etwas völlig Unerwartetes: Die Weltbühne bestand weiter. Sie kämpfte im Geiste und für die gleichen Ziele, für die Jacobsohn sie zu einer scharfen Waffe gemacht hatte: für soziale Gerechtigkeit, für den Aufbau und die Verteidigung des Rechtsstaats und in zunehmendem Maße gegen den immer stärker werdenden Nationalsozialismus.

Nach Jacobsohns Tod übernahm zuerst Tucholsky die Leitung der Weltbühne. Aber es zeigte sich bald, dass dieser „glanzvollste Journalist der deutschen Linken, dieser geborene Polemiker und Pamphletist“ nicht so recht auf den Stuhl eines Chefredakteurs passte.

Kurt Tucholsky war seit 1913 regelmäßiger und fleißigster Mitarbeiter Jacobsohns. Zwischen beiden entwickelte sich eine Symbiose, die sich für die Schaubühne und später auch für die Weltbühne als äußerst fruchtbar erwies, Jacobsohn, der väterliche Freund und unerbittliche Lehrmeister, forderte als Redakteur von Tucholsky Höchstleistungen, und dieser fand in der Zeitschrift eine Plattform, die seinem vielseitigen Talent entsprach. Die Pseudonyme Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser wurden bald zum prägenden Markenzeichen des ‚Blättchens‘.

Für die Aufgabe des „Oberschriftleitungsherausgebers“ fühlte sich Tucholsky nicht berufen, und so wurde die Leitung der Weltbühne einem Manne übertragen, der sie dann auch bis zum Schluss, bis die Marschtritte der Nationalsozialisten das ‚Blättchen‘ zerstampften, in seinen Händen hielt: an Carl von Ossietzky.

Carl von Ossietzky

Ossietzky, 1926 siebenunddreißig Jahre alt, war auf dem Gebiet der politischen Publizistik kein Neuling. Seit 1919 hatte er unermüdlich im Kampf gestanden für eine Neugestaltung Deutschlands, er war Mitorganisator der „Nie-wieder-Krieg“-Bewegung, und seine Artikel erschienen in führenden Organen der Demokraten. In der Weltbühne fand er nun ein Instrument, mit dem er seinen Kampf fortsetzen konnte, und er tat es mit einem rastlosen, nie erlahmenden Willen, der ihn bis in die Folterlager der Nazis nie verließ.

Carl von Ossietzky wurde am 3. Oktober 1889 in Hamburg geboren. Sein Vater, Carl Ignatius von Ossietzky, war Stenograph bei einem Rechtsanwalt; er starb 1891 mit 43 Jahren, sein Sohn war gerade zwei Jahre alt-

Ossietzky besuchte die Realschule und wurde Hilfsschreiber beim Amtsgericht in Hamburg. Seine ersten journalistischen Arbeiten erschienen 1913. Wenige Monate später hatte er sich seine erste Anklage wegen Beleidigung eines Kriegsgerichts eingehandelt. Ossietzky erhielt 200 Mark Geldstrafe. 1916 wurde der überzeugte Kriegsgegner eingezogen und musste teilhaben an dem „dirigierten und organisierten Mord“, den er als ein „Verbrechen des Kaisers“ bezeichnete. Nach seiner Entlassung vom Militär siedelte Ossietzky nach Berlin über, er nahm das Angebot von Professor Ludwig Quidde an, als Sekretär in der Deutschen Friedensgesellschaft mitzuwirken. In den folgenden Jahren wurde Ossietzky Mitarbeiter und später Redakteur der „Berliner Volkszeitung“ und ab 1924 Redakteur in der von Stefan Großmann und Leopold Schwarzschild herausgegebenen Wochenschrift „Das Tage-Buch“.

Bereits 1924 hatte Tucholsky den Kontakt zwischen Jacobsohn und Ossietzky hergestellt und dessen Mitarbeit an der Weltbühne angeregt. Die Verhandlungen zogen sich aber lange hin, und erst am 20. April erschien der erste Artikel Ossietzkys in der Weltbühne. Edith Jacobsohn, die Ehefrai S. J’s, beschreibt den Beginn der Zusammenarbeit: „Anfangs war Carl von Ossietzky für mich eine mythische Gestalt, denn S. J. brachte ihm ein mehr als phantastisches Vertrauen entgegen. Ossietzky sandte seine Artikel in die Setzerei, ohne dass sie den Prüfungsweg über unser sommerliches Kampen zu machen brauchten. Ossietzky war der Einzige, an dessen Artikeln der fanatischste aller Redakteure nichts zu ändern, nichts zu korrigieren hatte. (…). Nach Ossietzkys Artikeln, nach den Gesprächen, die ich mit meinem Mann über ihn führte, stellte ich mir ihn als einen jener weißhaarigen, ewig jungen älteren Herren vor, in denen sich Weisheit mit Esprit. Sich abgewogenes Wesen und Ungestüm liebenswürdig paaren.

Ossietzky lernte ich erst nach dem Tode meines Mannes kennen. Es war nötig umzuschalten, und meine Verehrung auf einen Mann in der zweiten Hälfte der Dreißiger zu übertragen. In langen tastenden Gesprächen erwogen wir die Frage, dass er die Leitung des Blattes übernehme. Ich war von Anfang an zuversichtlich und um vieles überzeugter von ihm als er von sich.“

Als Republikaner aus ehrlichster Überzeugung erfüllte Carl von Ossietzky für die Geschichte der Weimarer Republik eigentlich schon den Tatbestand des Landesverrats. „Zum Schutz der geheimen Rüstungen entwickelte die Rechtsprechung den früher nicht bekannten Begriff des ‚Landesverrats begangen durch die Presse‘. Veröffentlichungen, deren Ziel es war, auf Hochverrat und Bürgerkrieg gerichtete Tätigkeiten zu verhindern, wurden als ‚Landesverrat‘ verfolgt. Meistens wurde der Wahrheitsbeweis nicht zugelassen. Die Urteile behaupteten, dass geheime Rüstungen nicht existierten, gleichzeitig aber auch, dass jede Publikation darüber ein Verbrechen sei. Um von derartigen Veröffentlichungen abzuschrecken, wurden in den drei Jahren 1924-1927 jährlich 1.200 derartige Verfahren eingeleitet; aber nur drei von ihnen führen zur Verurteilung.“ (Kurt R. Großmann: „Ossietzky. Ein deutscher Patriot“)[6]

Carl von Ossietzky bekam diese neue Form der „Pressefreiheit“ am eigenen Leibe zu spüren. Seine aufrechte Haltung als Demokrat und Antimilitarist hatte ihm bereits fünf Verurteilungen eingebracht, als 1931 die antirepublikanische Allianz von Justiz und Reichswehr zu einem massiven Angriff gegen den unbequemen Journalisten ausholte.

Zum Anlass nahm man diesmal einen Artikel mit dem Titel „Windiges aus der deutschen Luftfahrt“, der von Walter Kreiser stammte, und für den Ossietzky nur als Redakteur verantwortlich zeichnete. In dem sogenannten „Weltbühnen-Prozess“ zeigte sich die Willkür und Befangenheit, mit der die Justiz der Weimarer Republik mit Begriffen wir „Landesverrat“ und „Verrat militärischer Geheimnisse“ umging. Die von Walter Kreiser beschriebenen Zustände waren allgemein bekannt: Öffentliche Gelder wurden zweckentfremdet und für militärische Rüstung der Luftwaffe verwendet. Es war für die Öffentlichkeit kein Geheimnis, dass dadurch die Bestimmungen des Versailler Vertrages verletzt wurden. Der Prozess aber wurde unter höchster Geheimhaltung geführt, der Angeklagte bekam kaum die Möglichkeit, die Richtigkeit des Artikels zu beweisen und zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. „Man hat uns zum Stummsein verurteilt. Wie ernst es damit steht, dafür nur das eine Beispiel: unsere Verteidiger waren gehalten, das schriftliche Urteil, das nur in einem Exemplar gegeben wurde, nach Kenntnisnahme wieder zu den Akten zu reichen. So blieb also nur die Anrufung der Gnadeninstanz übrig, und unsere Begründung verhallte im Vorzimmer“, schrieb Ossietzky 1932 in der Weltbühne.

Carl von Ossietzky vor der Strafanstalt Berlin-Tegel

Der Prozess wurde in der Presse aufmerksam verfolgt, und die Verurteilung Carl von Ossietzkys zu achtzehn Monaten Gefängnis erregte in der Öffentlichkeit große Empörung. Bei seinem Strafantritt am 10. Mai 1932 wurde Ossietzky von einer Gruppenamhafter Persönlichkeiten zum Gefängnis geleitet, unter ihnen waren Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Erich Kästner und Arnold Zweig.

Nach acht Monaten wurde Ossietzky im Rahmend er Weihnachtsamnesie von 1932 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel entlassen, aber seine Freiheit war nur von kurzer Dauer: Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler, und am 27. Februar brannte der Reichstag – für die Nationalsozialisten Vorwand für Massenverhaftungen.

Auf den schwarzen Listen der Hitler-Schergen befanden sich die Mitarbeiter der Weltbühne an bevorzugter Stelle. Wem es nicht gelang, sich durch die Flucht ins Ausland zu retten, dem stand der Leidensweg durch die Gefängnisse und Konzentrationslager des „Dritten Reichs“ bevor.

Die letzte Nummer der Weltbühne erschien am 7. März 1933 und teilte den Lesern die Verhaftung Carl von Ossietzkys mit. Der letzte Satz des Artikels, der mit der neuen Regierung das Ende der deutschen Republik gekommen sah, lautet: „Trotzdem; es wird weitergearbeitet, denn der Geist setzt sich doch durch.“[7]

Ossietzky hatte mit all seiner Kraft versucht, vor einer Regierung Adolf Hitlers zu warnen; nun war er den Folterknechten der Nationalsozialisten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und musste am eigenen Leibe erfahren, wie recht er mit seinen Warnungen gehabt hatte. Von der Festung Spandau, in der er zunächst gefangen gehalten wurde, kam er in das KZ Sonnenburg. 1934 wurde er in das berüchtigte Moorlager Papenburg-Esterwegen überstellt. Obwohl er durch die Tortour des Torfstechens und die barbarischen Misshandlungen, die er erdulden musste, physisch zu Grunde gerichtet wurde, beschreiben ihn seine Mitgefangenen als „ungebrochen in seiner Würde und Widerstandskraft“. Alle Angebote der neuen Machthaber, ihm weitere Qualen zu ersparen, wenn er sich für das neue Regime ausspreche, lehnte er ab.

Die emigrierten Freunde und Mitstreiter der Weltbühne versuchten aus dem Exil zur Rettung Ossietzkys beizutragen; insbesondere die Mitglieder der „Liga für Menschenrechte“ setzten sich für seine Freilassung ein. Von Berthold Jacob in Straßburg, Hellmut von Gerlach in Paris und Otto Lehmann-Rußböldt in London stammte die Initiative, Carl von Ossietzky für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Hierzu berichtet Willy Brandt: „Zum ersten Mal hörte ich von der Idee, Ossietzky für den Nobelpreis vorzuschlagen, im Frühjahr 1934 von dem Journalisten Berthold Jacob, der sich aus Straßburg an mich wandte. Wir wollten symbolhafte Hilfe mit einer symbolhaften Verurteilung des Regimes verbinden: Für das ‚andere Deutschland‘ konnte dies ein moralischer Erfolg von großer Bedeutung sein.“

Walter Mehring

Es dauerte bis zum November 1936, bis die Kampagne Erfolg hatte, Ossietzky bekam den Friedensnobelpreis für das Jahr 1935 verliehen. Seine Gesundheit war damals bereits so zerstört, dass ihn die Nazis aus dem KZ entlassen hatten, eine offene Tuberkulose machten den dauernden Aufenthalt in Krankenhäusern nötig. Aber auch hier stand er unter dauernder Bewachung der Gestapo. Am 4. Mai 1938 starb Carl von Ossietzky. Walter Mehring schrieb in seinen „Briefen aus der Mitternacht“:

„Ossietzky, den man so zerschund,

Dass er voltairisch lächelnd schied …

Als man den Friedenspreis ihm bot,

Schloss er grad Frieden mit dem Tod …

Der beste Jahrgang deutscher Reben

Ließ vor der Ernte so sein Leben …“

Als Ossietzky noch lebte:

 

Die Rolle Ossietzky war bedeutend, wenig bedeutendere werden den Figuren zugewiesen im Spiel der Zeit. Als Zola dahinschied, nachdem er einen Unschuldigen gerettet hatte, wurde ihm nachgerühmt, einen Augenblick habe er das Gewissen der Mitwelt verkörpert. Die Tat besteht neben den Werken eines Schriftstellers, deren Folge und Ergebnis sie auch ist. Ossietzky, der nicht mehr schreiben und sprechen konnte, ist in seinen Ketten dem hohen Glücksfall begegnet, dass einen Augenblick das Weltgewissen aufstand, und der Name, den es aussprach, war seiner.

 

Wiederholt und bestätigt 1949

                                     

                                      Heinrich Mann

Republikanischer Journalismus

„Es wird uns Mitarbeitern der Weltbühne der Vorwurf gemacht, wir sagten

zu allem Nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest. Und bekämpften – und das sei das Schlimmste – Hass mit Hass, Gewalt mit Gewalt, Faust mit Faust. (…)

Negativ? Viereinhalt Jahre haben wir das fürchterliche Ja gehört, das Alles gut hieß, was frecher Dünkel auszuführen befahl. Wie war die Welt so lieblich. Und mit donnerndem Krachen ist das zusammengebrochen, was man früher für eisern gehalten hatte und was nicht einmal Gusseisen war. Blut und Elend und Wunden und zertretenes Menschentum – es soll wenigstens nicht umsonst gewesen sein. Lasst uns auch weiterhin Nein sagen, wenn es not tut.“ (Kurt Tucholsky, Weltbühne 13.3.1919)

In Deutschland muss ein politisches Blatt, um keine Verwirrung zu stiften, immer einer Partei zuzuordnen sein. Dadurch entsteht dann automatisch das „Positive“ in der Berichterstattung – man lobt den eigenen Verein. Für die Gegner ist dieses Verfahren ebenfalls praktikabel. Da man die Kritik einschätzen kann; man weiß, mit wem man es zu tun hat, und wenn man selbst gelobt werden will, dazu hat man dann seine eigenen Organe. Das Selbstverständnis der Weltbühne als unabhängige Zeitschrift hatte die Folge, dass ihr somit auch die parteipolitische Lobby fehlte.

 

„Die Weltbühne“ ist eine Tribüne, in der die gesamte deutsche Linke in des Wortes weitester Bedeutung zu Wort kommt; wir verlangen von unseren Mitarbeitern Klarheit, persönliche Sauberkeit und guten Stil. Ob dieser Grundsatz richtig ist oder nicht, ist eine andere Frage; so habe ich das Blatt von meinem verstorbenen Lehrmeister Siegfried Jacobsohn übernommen, und so habe ich es an Carl von Ossietzky weitergegeben, der keinen Finger breit von dieser Richtung abgewichen ist. Die ‚Weltbühne‘ verzichtet bewusst auf ein starres Dogma; bei uns wird diskutiert.“, schreibt Kurt Tucholsky 1929 in der Zeitschrift „Die Front“. Und gerade im Umgang mit dem politischen Gegner herrschte in der Weltbühne ein Ehrenkodex, den man nahezu preußisch nennen könnte, wenn nicht gerade die preußische Generalität spätestens seit 1918 zum Inbegriff der Feigheit, Verlogenheit und Verantwortungslosigkeit geworden wäre. Hier liegt aber auch das Tragische in der Position der Weltbühne-Autoren: Ihre Spielregeln wurden von ihren Gegnern weder akzeptiert noch eingehalten. „Eine schamlose Umwertung einfachster Begriffe von Anstand und Recht frisst sich mehr und mehr in die deutschen Gehirne ein“ konstatierte Carl von Ossietzky 1931. Und diese „Umwertung“ begann bereits bei der Definition der neuen Staatsform: Die Weimarer Republik verkörperte für weite Teile des sie tragenden Parteien eine durch den verlorenen Krieg erzwungene Notlösung, und keineswegs einen emanzipatorischen Ausdruck des Bürgerwillens. Hier sah die Weltbühne ihr Arbeitsfeld; die Autoren versuchten, einen politischen Lernprozess auszulösen, indem sie die Institutionen und ihre Funktionäre mit deren unrepublikanischer Praxis konfrontierten.

 

„Unser Beruf hat in diesem Land der schneckentempofahrenden Instanzenzüge und der wabbeligen Parlamente ein unsichtbarer Volkstribunat inne, wir verwalten ein unsichtbares Anklägertum, Richtertum, Verteidigertum“. Carl von Ossietzky umreißt in diesem Satz das Selbstverständnis des republikanischen Journalismus. „Aus Liebe zu Deutschland“ wurde hier die Auseinandersetzung gesucht; nicht die Freude an der Negativbilanz war die Sprungfeder dieser Streitkultur, sondern das Wissen, dass in einer grundlegenden Neuordnung die einzige Chance Deutschland lag. Das Trauma des Ersten Weltkriegs, in dem der Todesschrei vom Schlachtfeld übertönt wurde vom Zynismus, der Überheblichkeit und Dummheit der Verantwortlichen, war für die Weltbühne-Autoren ein grauenvoller Beweis der Untauglichkeit und moralischen Verdorbenheit des alten Systems.

Bei den politischen Akteuren der jungen Republik bestand kein Interesse an der Aufarbeitung des deutschen Zusammenbruchs, Themen wie die Kriegsschuldfrage überließ man der nationalistischen Propaganda, die daraus eine große antisemitische Hetzkampagne aufbaute.

„Carl von Ossietzky war sich vor diesem Hintergrund des Risikos bewusst, das er mit seiner Arbeit einging: „Jeder Publizist, der in bewegter Zeit seinem Gewissen folgt, weiß, dass er gefährdet lebt. Die beste politische Publizistik wurde stets heimlich in Dunkelkammern geschrieben, nächtlich an Mauern geklebt, während Denunzianten durch die Straßen schlichen und auf den großen Plätzen die Soldaten in Karrees standen. Wer, wie der Schriftsteller, an die immaterielle Kraft des in die Welt hinausgeschleuderten Wirtes glaubt, der wird also nicht jammern, wenn dieses Körper geworden, als Gummiknüppel oder Stahlmantel oder Gefängnishaft wieder auf ihn zurückprallt.“

Die fatale Tatsache, dass die alten Mächte trotz ihrer blutigen „Irrtümer“ auch im neuen Staat die entscheidenden Machtzentren besetzt hielten, ließ den Weltbühne-Autoren keine Wahl: Eine Wiederholung des Massenmords musste mit allen Kräften verhindert werden. Und da die Reaktion auch den Bereich der „Rechts-Sprechung“ kontrollierte, musste dies auch aus dem Bewusstsein eines neuen republikanischen Rechts- und Unrechtsempfinden geschehen. „Uns radikalen Pazifisten aber bleibt, entgegen allen Schäden des Reichsgerichts, das Naturrecht, imperialistische Mächte dann gegeneinander auszuspielen, wenn der Friede Europas, wenn unser Gewissen das verlangt, und ich spreche hier mit dem vollen Bewusstsein dessen, was ich sage, aus, dass es kein Geheimnis der deutschen Wehrmacht gibt, dass ich nicht, wenn es zur Erhaltung des Friedens notwendig erscheint, einer fremden Macht auslieferte. (,,,) Wir halten den Krieg der Nationalstaaten für ein Verbrechen, und wir bekämpfen ihn, wo wir können, wann wir können, mit welchen Mitteln wir können“ (Kurt Tucholsky 1928).

Dieser couragierte Journalismus war eine Folge der Einsicht, dass nur der antimilitaristische Rechtsstaat ein Bollwerk sein konnte gegen die Barbarei, die sich in Form der Hitler-Partei offen anbot. Hier lag die einzige Chance zum Überleben der Republik. „Es ist ein trauriger Gedanke, dem dennoch kein Wahrheitsliebender feige ausweichen darf: in diesen zehn Jahren, die seit der Annahme der Verfassung von Weimar vergangen sind, hat die Republik die Gesetzt ihrer Funktionen noch nicht halbwegs begriffen.

Die Instrumentation wird falsch und stümperhaft gehandhabt, ohne ersichtliche Ursache fällt der Staat von einer Krankheit in die andere, und jede einzelne wird mit Mitteln kuriert, die mit dem Geist der Republik nichts zu tun haben, Die Geschichte der neuen Verfassung ist nicht eine Geschichte ihrer Erfüllung, sondern ihrer Verletzungen.“

Die Weltbühne ist ein Belastungszeuge gegen die deutsche Legendenbildung und Geschichtsklitterung, nach der die intakte Republik von Weimar plötzlich sozusagen im Handstreich von den Nationalsozialisten übernommen und zerstört wurde. Die einzelnen Mosaiksteine auf dem Weg in den Nazi-Terror sind in den kleinen roten Heften festgehalten, von der Anklage bis zum Hilferuf. „Und wo sind nun die Abwehrkräfte? Gibt es noch Republikaner?“, schreibt Carl von Ossietzky 1931. „Der Nationalsozialismus wird nicht abnehmen, solange die Armee der Verzweifelten ständig neuen Zuzug erhält.“ Und anderer Stelle heißt es: „Dieses Millionenheer, das sich dem Faschismus in die Arme wirft, fragt nicht, weil ihm nichts mehr zu fragen übriggeblieben ist. Desperat und kritiklos taugt es einer bunten und lärmenden Jahrmarktsgaukelei, weil nichts schlimmer werden kann als es bereits ist, so wie ein von den besten Ärzten aufgegebener Patient schließlich den Weg zum Kurpfuscher findet, der dem Krebskranken empfiehlt, eine Walnuss in der Tasche zu tragen. Jeder hofft, niemand fragt. Darin liegt das Glück des Nationalsozialismus, das Geheimnis seiner Siege, darin liegt aber auch seine Ohnmacht. (…) An dieser Partei ist nichts originell, nichts schöpferisch, es ist alles entlehnt. Sie hat kein eigenes geistiges Inventar, keine Idee; ihr Programm ist in aller Welt zusammengestoppelter Unsinn. Nur die Vereinsparole „Juda verrecke!“ ist wohl in eigener Kultur gezogen. Diese Millionenpartei mit den fetten Industriegeldern hat bei ihren Ausflügen in den Geist immer nur die ärgsten und ältesten Klamotten aufgekauft.“

Über die Absichten der Nationalsozialisten besteht kein Zweifel, ebenso über ihre Geldgeber, die den Aufbau dieser Partei in diesem Maße erst möglich machten. „An dem völkischen Teil der deutschen Industrie hängt der Vorwurf, dass sie Mörder finanziert; sie wird diesen Vorwurf lächelnd einstecken wie ihre Tantiemen. Denn noch nie haben sich diese Menschen ein Geschäft durch die ‚Moral‘ verderben lassen“ (Kurt Tucholsky 1931).

Die Autoren der Weltbühne kämpften auf verlorenem Posten, aber die Genauigkeit ihrer Sprache und Gedanken und ihre vielseitigen Begabungen lassen viele ihrer Artikel zeitlos erscheinen. Die Zivilcourage und das Engagement dieser Menschen reichte über ihre journalistische Arbeit hinaus. Einige von ihnen haben, wie zum Beispiel Carl von Ossietzky, ihr Leben für ihre Überzeugung eingesetzt.

„Die Leute, die sich um die Weltbühne scharten, waren natürlich keine Hellseher; aber alles in allem etwas weniger blind, als viele ihrer Zeitgenossen. Das machte sie unbequem und sogar verhasst. Sie haben die tödlichen Krankheiten der ersten deutschen Republik frühzeitig erkannt und nach Kräften zu heilen versucht. Sie haben aber auch die heiteren Seiten des Lebens nicht vergessen. Sie waren keine Fanatiker. Es sieht so aus, als bestehe auch heute, gerade heute, ein Bedarf an solcher Publizistik.“ (Axel Eggebrecht, Das Drama der Republik)

 

Alexander Lipping 1988

 

Weblinks und Einzelnachweise

[1] Eggebrecht, Axel 1975 Der halbe Weg Zwischenbilanz einer Epoche Rohwolt  Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg S.209

[2] Tucholsky, Kurt 1930 Fünfundzwanzig Jahre in: Die Weltbühne XXVI Jahrgang Nr. 37 S.737

[3] Tucholsky, Kurt 1930 Fünfundzwanzig Jahre in: Die Weltbühne XXVI Jahrgang Nr. 37 S.738

[4] Enseling, Alf 1962 Die Weltbühne Organ der Intellektuellen Linken Verlag C.J. Fahle GMBH Münster (Westfalen) S:66ff

[5] Eggebrecht, Axel 1975 Der halbe Weg Zwischenbilanz einer Epoche Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg S.210

[6] Grossmann, Kurt R. 1973 Ossietzky Ein deutscher Patriot Suhrkamp Taschenbuchverlag Frankfurt am Main S.195 ff.

[7] Die Weltbühne XXVI Jahrgang Nr. 37 S.737